Brandsicherheit von Wärmedämmverbundsystemen an Fassaden mit Polystyrolschaum als Dämmstoff

  • Dirk Aschenbrenner, Präsident der Vereinigung zur Förderung des  Deutschen Brandschutzes e.V. (vfdb)Dirk Aschenbrenner, Präsident der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes e.V. (vfdb)

Der Brand der Grenfell Towers in London mit seinen vielen Todesopfern hat weltweit ­schockiert. Die Katastrophe hat die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren und des Deutschen Feuerwehrverbandes sowie die Vereinigung zur Förderung des deutschen Brandschutzes dazu veranlasst, ein Positionspapier vorzulegen, das sich mit der Brandsicherheit von Wärmedämm-Verbundsystemen an Fassaden mit EPS als Dämmstoff befasst.

Brände von Wärmedämmverbundsystemen, in denen Polystyrolschaum verarbeitet ist, stellen die deutsche Feuerwehren vor enorme Herausforderungen. Die rasante Brandausbreitungsgeschwindigkeit und die enorme Rauchintensität dieser Systeme unterscheiden sich deutlich von anderen Fassadensystemen.  

Seit 2012 sammeln deutsche Feuerwehren Brandfälle, an denen WDVS mit Polystyrol beteiligt waren. Die Liste steht auf der Website der Frankfurter Feuerwehr öffentlich zur Verfügung. Es sind inzwischen über 90 Brandfälle verzeichnet, bei denen insgesamt elf Todesfälle und 124 Verletzte zu beklagen sind. Besonderen Augenmerk möchten wir darauf richten, dass die Toten nicht in der Brandwohnung selbst verstorben sind, sondern in Wohnungen anderer Geschosse. Sowohl beim Brand in Berlin (2005) als auch in Köln (2005) und in Duisburg (2016) hat sich der Brand über die Fassade in weitere Geschosse ausgebreitet. Das ist signifikant, weil es damit Opfer in Wohneinheiten gab, die mit dem auslösenden Ereignis nichts zu tun hatten.

Bauordnungsrechtlich Gefordertes nicht erfüllt
Nach Bauordnung ist gefordert: „Außenwände und Außenwandteile wie Brüstungen und Schürzen sind so auszubilden, dass eine Brandausbreitung auf und in diesen Bauteilen ausreichend lang begrenzt ist.“ Unserer Meinung nach ist dies in den oben genannten Fällen nicht erfüllt!

Es zeigt sich anhand der gesammelten Brandfälle, dass der Brand, der außen vor dem Gebäude entsteht, hinsichtlich der Brandsicherheit von Fassadensystemen nicht vernachlässigt werden kann: ca.

zwei Drittel der Brände entstanden vor dem Gebäude. Besonders die extrem schnelle Brandausbreitung auf der Fassade, die bei diesen Systemen wiederholt aufgetreten ist, stellt für die Feuerwehr ein unlösbares Problem dar: bei einer Hilfsfrist von 10 Minuten ist eine Brandausbreitung auf mehr als zwei Stockwerke nicht zu verhindern.  

Die bauaufsichtliche Zulassung von Fassadensystemen beruhte in der Vergangenheit wesentlich auf der Prüfung nach E DIN 4102-20, die einen Brand innerhalb des Gebäudes betrachtet. Die Normungsarbeit zu dieser Prüfung ruhte, solange die von der Bauministerkonferenz (BMK) in Auftrag gegebenen Untersuchungen zu Bränden außerhalb des Gebäudes durchgeführt wurden.

Ein Ergebnis dieser Untersuchungen war, dass zugelassene Systeme bei einem Brand von außen ein nicht hinnehmbares Brandverhalten zeigten: unter starker Wärme- und Rauchentwicklung breitete sich der Brand schlagartig aus. Dieses Ergebnis bestätigte die Erfahrung der Feuerwehren. Es wurde daher ein zusätzlicher Versuch (Sockelbrand) entwickelt, dem ein realistischer Brand von außen zu Grunde liegt: ein brennender Müllcontainer – dargestellt durch eine 200 kg Holzkrippe. Dieser Versuch bildet den Nachweis für die konstruktiven Maßnahmen zur Verbesserung der Brandsicherheit dieser Systeme, die das DIBt 2015 herausgegeben hat und ist als Technische Regel A.2.2.1.5 in der MVV TB4 für WDVS mit EPS Dämmung enthalten.  

Gegen den Einspruch der Feuerwehren
Die Normungsarbeit an E DIN 4102-20 wurden nach Abschluss der Untersuchungen zum Brand von außen erneut aufgenommen. Leider wurde gegen den mehrmals erklärten Einspruch der deutschen Feuerwehren und Verbände (vfdb, AGBF, DFV) mit dem Teil 20 der DIN 4102 der Zustand vor den Untersuchungen zum Brand von außen genormt. Der Brand von außen soll nun in einen eigenen neuen Normteil der DIN 4102 einfließen.

In Hinblick auf die Harmonisierung der Prüfverfahren in Europa sehen wir das kritisch: Die Europäische Kommission hat im August 2016 einen Auftrag für die Entwicklung eines einheitlichen Prüfverfahrens für das Brandverhalten von Fassaden herausgegeben. In diesem Auftrag ist der Teil 20 der DIN 4102 enthalten, der Sockelbrand jedoch – als direkte Folge der Ablehnung unserer Einsprüche – nicht. Für die Erhaltung unseres Sicherheitsniveaus ist es wichtig, dass das zukünftige europäische System auch den Brand von außen (Sockelbrand) abbildet. Dafür werden wir uns weiter einsetzen.

Robustheit gegen Wetter und ­Beschädigungen
Da Fassadensysteme für Jahrzehnte am Bauwerk verbleiben, halten wir Robustheit in den Brandschutzmaßnahmen im Hinblick auf Einflüsse von außen wie Wetter und Beschädigungen für sinnvoll. Diese Problematik wird auch im Merkblatt des DIBt vom 18.06.2015 erwähnt. Unsere Nachbarländer Österreich und Frankreich haben sich bereits für ein höheres Sicherheitsniveau entschieden: in beiden Ländern sind Brandriegel in jedem Geschoss vorgeschrieben. Alle bisherigen Untersuchungen bestätigen einen entscheidenden Gewinn von Brandriegeln in jedem Geschoss für die Brandsicherheit.  

Dennoch wird auf diesen in Deutschland verzichtet. Besondere Sensibilität im Umgang mit brennbaren Dämmstoffen erfordern Baustellensituationen, da hier zum einen größere Mengen an Dämmmaterialien für den Einbau gelagert werden und zum anderen Brandschutzmaßnahmen noch nicht vollständig angebracht sind.

Ab einer Gebäudehöhe von 22 m sind in Deutschland nicht-brennbare Fassadensysteme vorgeschrieben. Für die Erhaltung unserer Sicherheitsstandards ist das notwendig und sollte konsequent auch auf alle anderen Sonderbauten angewendet werden.

Empfehlungen
Als Schlußfolgerungen der oben genannten Herausforderungen geben wir folgende Empfehlungen:

  • Neue Systeme: Brandriegel in jedem Geschoss, Erdgeschoss nicht-brennbar bei beweglichen Brandlasten oder nicht-brennbares Einhausen von beweglichen Brandlasten.
  • Baustellen: Besondere Sensibilität ist auf Baustellen hinsichtlich der Lagerung von brennbarem Material notwendig – Abstand zu (vor allem bewohnten!) Gebäuden oder Einhausen des Materials
  • Systeme im Bestand: Bewegliche Brandlasten wie Müllcontainer, Sperrmüll und Fahrzeuge sind zu beachten. Diese sollten entweder ausreichenden Abstand zur Fassade haben oder nicht-brennbar eingehaust werden. Ist das nicht möglich, Ertüchtigung der Fassade im Erdgeschossbereich mit nicht-brennbaren Dämmmaterialien. Zeitnahe Ausbesserung von beschädigten Systemen.

Tickende Zeitbombe
Statement von vfdb-Präsident Dirk Aschenbrenner für die Leser von GIT SICHERHEIT zur Bedeutung des Themas Fassadenbrände.  
„Das verheerende Londoner Feuer im Juni hat auch bei uns die Sensibilität für das Thema Fassadenbrände geweckt“, sagt Dirk Aschenbrenner, Präsident der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes e.V. (vfdb). „Zu hoffen ist, dass diese Sensibilität nicht nur auf Hochhäuser beschränkt bleibt. Denn gerade bei Bauten unterhalb der 22-Meter-Hochhausgrenze tickt nach wie vor eine Zeitbombe.“ Da für die hohe Zahl dieser Häuser nicht die strenge Vorschrift zur Verwendung nicht-brennbarer Fassadensysteme gelte, bestehe ein nach wie vor hohes Risiko.

Aschenbrenner appelliert deshalb an alle Eigentümer und Bauträger, auch ohne gesetzliche Verpflichtung auf  brennbare Dämmstoffe wie Polystyrol zu verzichten. „Meist sind es Kosten- und Verarbeitungsgründe, das gefährliche Material zu verwenden“, so der vfdb-Präsident weiter. „Doch wer hier spart, spart am falschen Ende und gefährdet Menschenleben. Außerdem: Zwischen allen Etagen müssen Brandriegel eingebaut werden – so, wie es in Frankreich und Österreich schon Vorschrift ist.“

Die Erfahrung habe zudem gezeigt, dass zwei Drittel der Brände in Deutschland, bei denen die Fassade betroffen war, von außen entstanden seien, etwa durch brennende Müllcontainer, Pkw-Brand oder Brandstiftung. „Die Brände erfassen dabei die Fassaden und greifen nach innen über, während höher gelegenes Polystyrol durch die Hitze schmilzt und nach unten in die Flammen tropft. Die Ausbreitung – und damit eine mögliche Katastrophe  – ist dann kaum noch zu stoppen.“ Hier fordert die vfdb einen realistischen Sockelbrandtest, um die Brandübertragung durch die Installation von brandsicheren Fassadensystemen im Erdgeschossbereich zu verhindern.

Kontaktieren

vfdb - Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes e.V.
Postfach 4967
48028 Münster
Telefon: +49 251 3112 1604

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