Security

Ready for IoT: Bosch und S&ST setzen auf offene Plattformen als Innovationsmotor

12.02.2021 - GIT SICHERHEIT sprach mit Dr. Tanja Rückert, CEO Bosch Building Technologies, und Hartmut Schaper, CEO Security & Safety Things

GIT SICHERHEIT sprach mit Dr. Tanja Rückert, CEO Bosch Building Technologies, und Hartmut Schaper,
CEO Security & Safety Things (S&ST), über den Trend zur Zusammenarbeit mit anderen Herstellern,
„denkende Gebäude“ und Sicherheitskameras, die wie ein Smartphone funktionieren.

GIT SICHERHEIT: Frau Rückert, bei Ihrem Start sind Sie als ausgewiesene IoT-Expertin angetreten, die auf Vernetzung fokussierte Strategie von Bosch für den Bereich Building Technologies voranzutreiben und umzusetzen. In welcher Position sehen Sie Bosch Building Technologies heute?

Tanja Rückert: Wir sind bereits erfolgreich darin, durch die Vernetzung von Technologien das Leben unserer Anwender sicherer, komfortabler und effizienter zu machen. Dabei denke ich zum Beispiel an unsere Lösungen, die Brand- und Evakuierungssysteme kombinieren und damit für reibungslose Reaktionsabläufe sorgen, wenn jede Sekunde zählt. Oder nehmen wir die Vernetzung von Zutrittskontroll- und Videosystemen, die es ermöglicht, ein Gebäude einfach, sicher und kontaktlos zu betreten. Auch dass wir aus der Ferne auf unsere Systeme zugreifen können und uns diese Rückmeldung über ihren Betriebszustand geben – Stichworte „Remote Services“ & „Predictive Maintenance“ –, sind sehr gute Beispiele dafür, dass Vernetzung bereits ein integraler Bestandteil unseres Angebotes ist.

Das Thema Vernetzung muss jedoch weitergedacht werden. Bei Bosch sprechen wir daher von „AIoT“, also von einer Vernetzung physischer Produkte und dem Einsatz künstlicher Intelligenz. Dadurch können wir ganz neue Fragen stellen und Probleme lösen. Ein Beispiel ist unsere VdS-zertifizierte videobasierte Branderkennung „Aviotec“, mit der wir dank intelligenter Algorithmen wesentlich schneller Brände im Entstehen detektieren können, als dies klassische Brandmelder vermögen. In seiner neuesten ­Version kann Aviotec dank Infrarotsensibilität im Mono­chrome-Modus selbst bei 0 Lux – sprich völliger Dunkelheit – zuverlässig Rauch und Flammen erkennen.

Mit unseren zahlreichen vernetzten Lösungen bewegen wir uns in Summe in Richtung „Automatisierte Gebäude“. Wenn wir noch weiter in die Zukunft blicken, werden wir „Denkende Gebäude“ haben, die sich an uns und unsere Bedürfnisse individuell anpassen und sich untereinander vernetzen.

Wie könnte so eine Zukunft konkret aussehen, Frau Rückert?

Tanja Rückert: Ich kann mir gut folgende Szenarien vorstellen: Im privaten Bereich wird Sie in Zukunft Ihr Fahrzeug autonom zum richtigen Ziel fahren, egal ob das ein Krankenhaus, ein Einkaufszentrum, ein Büro oder eine Fabrik ist. Das Gebäude weiß bereits, dass Sie auf dem Weg sind und stellt sich auf Sie ein: Sobald Sie Ihr Fahrzeug verlassen, parkt das Auto selbstständig, die Gebäudetüren öffnen sich für Sie automatisch und der Aufzug steht schon bereit, um Sie direkt in das richtige Stockwerk zu bringen. Gleiches gilt für Produktionsanlagen, die sich durch intelligente Vernetzung den Bedürfnissen des jeweiligen Produktionsprozesses anpassen. So kann die Analyse von Daten dazu führen, den Energieverbrauch deutlich zu senken, indem beispielsweise weniger Druckluft erzeugt wird, wenn weniger benötigt wird, oder indem weniger geheizt wird, wenn die Maschinen mehr Abwärme produzieren.

Wie weit sind wir schon auf diesem Weg?

Tanja Rückert: Generell bin ich der Ansicht, dass oft überschätzt wird, was man in einem Jahr umsetzen kann, und oft unterschätzt wird, was man in fünf Jahren erreicht. Bosch ist bereits dabei, zukunftsweisende Technologien erfolgreich in der Gegenwart einzusetzen. Um bei einem der eben genannten Zukunftsszenarien zu bleiben: Gerade hat Bosch zusammen mit Mercedes-Benz und Apcoa am Stuttgarter Flughafen ein Pilotprojekt in einem Parkhaus gestartet, in dem vollautomatisiertes und fahrerloses Parken in der Praxis getestet wird. Für das sogenannte „Automated Valet Parking“, kurz AVP, setzen wir maßgeblich auf eine intelligente ­Kamera-Infrastruktur von Bosch Building Technologies, die Fahrwege, freie Parkplätze sowie Hindernisse oder Personen auf der Fahrspur erkennen kann, um damit ein Fahrzeug fahrerlos zu steuern. Hierzu gibt es auch ein beeindruckendes Video. Bei Bosch sind wir also bereits dabei, diese Zukunft zu gestalten.

Angesichts der zunehmenden Vernetzung, die Sie ansprachen: Sind herstellerspezifische Produkte noch relevant oder sehen Sie die Zukunft in offenen Plattformen?

Tanja Rückert: Die Zeit für herstellerspezifische Lösungen ist aus meiner Sicht abgelaufen. Offene Ökosysteme, die Hardwarehersteller, Softwareentwickler, Integratoren, Planer, Berater, Nutzer und weitere Parteien zusammenbringen, sind viel flexibler und bieten insgesamt für alle große Vorteile: Zusammen können wir einfach mehr erreichen, als jeder für sich! Auf Basis offener Plattformen können wir unseren Kunden viel schneller die passende Lösung für ihre Anforderungen anbieten und natürlich auch gemeinsam mit unseren Kunden Lösungen optimieren und individualisieren. Auch dafür sind offene Systeme unabdingbar. Differenzierende Merkmale wird es jedoch weiterhin geben. Für Bosch bedeutet das im Bereich Video­sicherheit, dass wir den Fokus weiterhin auf Security und Trust sowie auf eingebaute künstliche Intelligenz „at the edge“, also im Endgerät, richten, sodass sich unsere Produkte darin heute und auch zukünftig deutlich von denen anderer Anbieter unterscheiden. Bei Videodaten handelt es sich ja oft um kritische und sensible Informationen, weshalb wir einen systematischen Ansatz zur Maximierung der Datensicherheit verfolgen. Ein wichtiger Baustein liegt darin, dass die Daten bereits auf der Hardwareebene kryptografisch verschlüsselt werden. Der zugehörige Schlüssel ist dabei sicher auf einem einzigartigen integrierten „Trusted Platform Module“, kurz TPM, oder „Secure Element“ gespeichert.

Zusammen mit anderen führenden Unternehmen aus der Videosicherheitsbranche haben Sie die Open Security & Safety Alliance (OSSA) gegründet, um Standards und Spezifikationen für IoT-Anwendungen in der Sicherheitstechnik zu entwickeln. Frau Rückert, wie weit ist das mittlerweile gediehen?

Tanja Rückert: Im Rahmen der herstellerübergreifenden Open Security & Safety Alliance haben wir mit den anderen Partnern gemeinsame Standards und Spezifikationen für ein offenes Kameraplattformkonzept im Bereich Videosicherheit definiert. Bis heute hat sich bereits eine ganze Reihe namhafter Kamerahersteller angeschlossen, von denen viele bereits auf dem Markt erhältliche „Driven by OSSA“-Kameras herausgebracht oder angekündigt haben. Auch andere Branchen­akteure, insbesondere Systemintegratoren, sind an diesem Ökosystem interessiert und haben sich angeschlossen. Gleichzeitig weitet diese systemoffene Allianz nun ihren Geltungsbereich über den Bereich Videosicherheit hinaus aus und befindet sich hierzu bereits in fortgeschrittenen Gesprächen. Alles in allem führt dies dazu, dass aktuell etwa 40 führende Unternehmen im Rahmen von OSSA zusammenarbeiten, um Innovation – weit über die Grenzen jeder einzelnen Organisation hinaus – in der Sicherheitsbranche voranzutreiben.

Hartmut Schaper: Wir, die „Security & Safety Things GmbH“, kurz S&ST, haben auf Basis der OSSA-Standards ein offenes Betriebssystem entwickelt, den beteiligten Herstellern zur Verfügung gestellt und einen Application Store geschaffen. Dort können Kunden und Integratoren Softwareanwendungen für verschiedene Anwendungszwecke und Branchen kaufen und flexibel auf Kameras laden, die das S&ST Betriebssystem einsetzen. Das funktioniert ähnlich wie bei Apps für Smartphones.

Herr Schaper, was ist das Neue, das S&ST mit seinem Konzept für die Endkunden ermöglicht?

Hartmut Schaper: Hier sind drei wesentliche Punkte zu nennen. Erstens reduziert sich die Abhängigkeit von Hardware und Software, da unterstützte Kameras über unseren Application Store flexibel mit Software-Apps für verschiedene Videoanalyse-Anwendungsfälle ausgestattet werden können, so wie Sie Ihr Smartphone verschiedene Aufgaben erledigen lassen können, indem Sie mehrere Apps darauf installieren.

Zweitens kann jede Kamera, die unser Betriebssystem nutzt, mehr als eine Anwendung parallel ausführen. Haben Kunden früher meist je Videoanalyse-Anwendung eine eigene Kamera gebraucht, können sie nun verschiedene Anwendungen parallel auf einem Gerät laufen lassen. Zum Beispiel kann Nummernschilderkennung unkompliziert mit der automatischen Erkennung der Fahrzeugfarbe und des Automodells kombiniert werden, um so umfassendere und tiefere Analysen durchzuführen.

Drittens, und das ist wohl am wichtigsten, können diese Kameras zu jedem Zeitpunkt mit neuen Apps ausgestattet und so leistungsfähiger gemacht oder für völlig neue Zwecke eingesetzt werden. Man kann also die Funktion einer solchen Kamera über die Anwendungen, die man auf ihr installiert, flexibel über ihre Lebensdauer hin anpassen, damit sie ihren spezifischen Zweck am besten erfüllt.

Wie kann das in der Praxis aussehen?

Hartmut Schaper: Nehmen wir ein Beispielszenario mit direktem Bezug zur Pandemie: Ein Elektronikmarkt schafft sich mehrere Kameras mit unserem Betriebssystem an. Vor Beginn der Pandemie platziert er einige an den Ladeneingängen, um eintretende Kunden zu zählen, andere wiederum rüstet er – oder sein Integrationspartner – mit anderen Apps aus, um auf der Ladenfläche Kundenwege zu analysieren und gleichzeitig leere Regale zur Befüllung zu melden. Wiederum andere werden so ausgestattet, dass sie mögliche Diebstähle oder Unfälle – wie eine gefallene Person – erkennen und an das Personal melden. Wenn dann aufgrund der Pandemie neue Gesundheitsrichtlinien umzusetzen sind, kann der Kunde durch den Application Store binnen weniger Tage seine Kameras an den Eingängen so anpassen, dass sie zusätzlich zur Zählung der Kunden auch das Tragen von Gesichtsmasken überprüfen. Kameras auf der Fläche können jetzt mit Apps ausgestattet werden, die Gruppenbildung erkennen und das Personal darauf hinweisen.

Zu erwähnen ist auch, dass das Angebot im Application Store ständig wächst. Selbst, wenn eine benötigte Anwendung noch nicht vorhanden ist, kann diese entwickelt und binnen Wochen verfügbar gemacht werden, je nach Komplexität. In solchen Fällen vermitteln wir auch zwischen App-Entwicklern, Integratoren und Endkunden. Unsere Entwicklungspartner sind sehr daran interessiert, für unsere Plattform und damit für eine globale Klientel zu entwickeln. Genau deswegen sind wir davon überzeugt, dass in Zukunft immer mehr Anwendungen immer schneller in den Application Store kommen werden.

Bosch Building Technologies ist einer der Partner, die bereits mit dem Betriebssystem von S&ST arbeiten. Frau Rückert, sind zukünftig alle Bosch-Kameras damit ausgestattet und können somit die Apps nutzen?

Tanja Rückert: Wir haben gerade unsere Bosch-Kameraplattform „Inteox“ entwickelt. Als vollständig offene Kameraplattform kombiniert Inteox die intelligente Videoanalyse von Bosch mit dem offenen Betriebssystem von S&ST. Somit haben unsere Kunden auch Zugriff auf den Application Store von S&ST und folglich die Möglichkeit, Softwareanwendungen nach Bedarf hinzuzufügen. Mit einigen unserer Key-Kunden sind wir hier bereits dabei, Pilotprojekte zu realisieren, um weitere Praxiserfahrung zu sammeln. Um den unterschiedlichen Kundenwünschen zu entsprechen, werden zunächst die beweglichen Inteox-Kameras, sprich Mic und Autodome, und Anfang nächsten Jahres die fest installierten Kameras, also Dinion und Flexidome, angeboten.

An welche Zielgruppe bei Anbietern und Anwendern richtet sich das Inteox-Angebot und welche Applikationen stehen schon zur Verfügung?

Tanja Rückert: Durch die stetig wachsende Vielfalt der Softwareanwendungen im Application Store können Bosch-Integratoren bei Projekten viel flexibler als bisher auf Kundenwünsche eingehen. Gibt es bei der Installation von Kameras besondere Anforderungen, die mit der Standardausstattung der Inteox-Kameras nicht erfüllt werden, können wir die entsprechende Softwareanwendung über den Application Store zur Verfügung stellen oder sogar Softwarepartner hinzuziehen, um selbst für ganz spezielle Anforderungen die passende Lösung zu entwickeln. Zum Beispiel im Eingangsbereich, wie Herr Schaper schon ausführte, wo wir je nach Bedarf mehrere Apps mit unserer intelligenten Videoanalyse kombinieren können. Durch unser Inteox-Angebot können wir unser Anwendungsspektrum also deutlich erweitern.

Wie entwickeln sich Ihr offenes Betriebssystem und der Application Store, Herr Schaper?

Hartmut Schaper: Mehr als 30 App-Development-Firmen haben bereits über 70 Apps für Kameras entwickelt, die unser Betriebssystem nutzen – das macht unseren Application Store zum am schnellsten wachsenden Marktplatz für Kamera-Apps. Diese können wir derzeit in 19 Ländern anbieten und werden kommendes Jahr weitere hinzufügen. Dies in Verbindung mit den Kameras, die bereits erhältlich sind oder noch in diesem Jahr von sieben Herstellern erwartet werden, zeigt eindeutig, dass der Markt die Idee unserer Plattform angenommen hat. Tatsächlich werden Kameras mit entsprechenden Apps auch schon gewinnbringend von Kunden eingesetzt, beispielsweise im Kontext von „Retail Analytics“ oder „Parking Management“, um zwei konkrete Anwendungsfelder zu  nennen.

Im nächsten Schritt möchten wir unser Ökosystem ausweiten und weitere Partner an Bord holen. Und da wir uns als Plattform für Innovation verstehen, suchen wir auch immer nach neuen spannenden Anwendungsfeldern für Videoanalyse, die von künstlicher Intelligenz gestützt wird. Dies geht dann häufig über die traditionellen Domänen von Security und Safety hinaus. Wir sehen hier Anwendungsfelder in ganz neuen Bereichen, wie beispielsweise in der Produktion, im Gesundheitswesen, in der Landwirtschaft oder durch die Verbesserung des Zuschauererlebnisses in Sport und Unterhaltung. In solchen Bereichen kann Analyse „at the edge“ innovative KI-Lösungen bieten und gleichzeitig die Privatsphäre viel besser schützen.

Tanja Rückert: Die von Herrn Schaper angesprochene Analyse der Daten im Gerät „at the edge“ unterstützen wir ausdrücklich. Bei Bosch Building Technologies ist diese Technologie bereits seit einiger Zeit in allen unseren Kameras Standard und wird von unseren Kunden auch erfolgreich eingesetzt. Wir bieten jedoch auch cloudbasierte Analytics an, je nach Einsatzzweck und Anforderung des Kunden.

Frau Rückert, wie lautet Ihre Erfolgsformel für das richtige Verhältnis von Differenzierung und Systemoffenheit im Wettbewerbung um Marktanteile?

Tanja Rückert: Der Kuchen ist groß genug für uns alle. Mit gemeinsamen Standards und einer stetig wachsenden Zahl attraktiver Lösungen wird er sogar noch größer, weil wir nicht nur einen deutlichen Mehrwert in Puncto Sicherheit schaffen, sondern auch dazu beitragen, komplexe Prozesse zu optimieren. Davon werden unterschiedlichste Branchen profitieren.

Dennoch muss es weiterhin für jeden Hersteller die Möglichkeit geben, sich zu differenzieren. Unsere standardmäßig eingebaute, intelligente Videoanalyse von Bosch ist nach wie vor integraler Bestandteil unserer Inteox-Kameras – und bleibt damit ein wesentliches Differenzierungsmerkmal. Wir werden auch weiter bei der Produktentwicklung im Hard- und Softwarebereich an hohen Sicherheitsstandards festhalten.

Dies alles, verbunden mit einem offenen Ökosystem, macht Inteox aus. Ein offenes Ökosystem ist wesentlich attraktiver für die Community der App-Entwickler, als es jemals ein einzelner Hersteller sein kann. Somit können wir Kunden aus verschiedensten Branchen einen großen Mehrwert bieten – sowohl im Bereich Sicherheit als auch darüber hinaus.

Wir danken für das Gespräch!

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