Security

Sicherheitstechnik in Corona-Zeiten: Perspektiven überwiegen

Dirk Dingfelder vom ZVEI-Fachverband Sicherheit: Wo die Sicherheitstechnik steht - und die Lehren aus der Corona-Krise

08.06.2020 -

Die Corona-Krise hat die gesamte Elektroindustrie in Mitleidenschaft gezogen - und damit auch die Sicherheitstechnik. Wie tief die Branche in der Krise steckt, wie schnell und mit welchen Maßnahmen sie wieder herauskommen kann und welche Lehren daraus gezogen werden können, das erläutert Dirk Dingfelder, Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Sicherheit.

GIT SICHERHEIT: Herr Dingfelder, Sie sind seit einem knappen Jahr Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Sicherheit. Wie geht es der Sicherheitstechnik?

Dirk Dingfelder: Wir schlagen uns recht wacker; andere Fachbereiche im Verband hat es offenbar etwas härter getroffen, wie die Umfragen des ZVEI zeigen. Die gesamte Elektroindustrie rechnet nach letztem Stand mit Einbußen beim Umsatz von im Durchschnitt vierzehn Prozent. Die Sicherheitstechnik demgegenüber nur mit einem Minus von zwölf Prozent.

Verschärft sich die Krise noch weiter oder haben wir die Talsohle schon durchschritten?

Dirk Dingfelder: Das kann und wird wohl jedes Unternehmen für sich selbst unterschiedlich beantworten können und müssen. Industrieweit zeigen aktuell die meisten Indikatoren wie Bestellungen, reale Produktion und Kapazitätsauslastung sowie Auftragsreichweite nach unten, aber es gibt einige Silberstreifen am Horizont. Dazu gehört, dass in der Sicherheitstechnik zwar 93 Prozent der Unter¬nehmen Umsatzrückgänge erwarten, aber 77 Prozent glauben, diese vorläufigen Verluste zumindest teilweise kompensieren zu können. 13 Prozent sind sogar der Überzeugung, diese im Lauf der Zeit wieder vollständig aufholen zu können. Einen signifikanten Unterschied gibt es allerdings zwischen Sicherheitstechnik und der gesamten Elektroindustrie beim Geschäft mit China: Während in der Sicherheitstechnik bei der Nachfrage oder dem Bezug von Vorleistungen erst rund ein Viertel der Unternehmen positive Impulse aus China wahrnimmt, aber 71 Prozent nichts verzeichnen können, sind es ZVEI-weit 84 Prozent bei der Nachfrage und 56 Prozent beim Bezug von Vorleistungen, die positive Signale für China mitgeteilt haben.

Was sind die „lessons learnt“?

Dirk Dingfelder: Zum einen das Thema Digitalisierung. Für die Sicherheitstechnik haben über 90 Prozent der Unternehmen angegeben, stärker in Digitalisierung investieren zu wollen. Wer also bisher noch gezögert hat, dem hat die gegenwärtige Situation offenbar Beine gemacht. Was sich auch deutlich erkennen lässt, ist das Thema Fachkräftemangel: Kein einziges Unternehmen der Sicherheitstechnik spielt auch nur mit dem Gedanken, Fachkräfte zu entlassen. Das gilt übrigens für 90 Prozent der gesamten Elektroindustrie genauso. Hier müssen wir nach der Krise auch ansetzen. Es geht um Ausbildungs- und Studienabschlüsse, die nachgeholt werden müssen, denn wir brauchen die Fachkräfte.

Es geht aber auch um die Digitalisierung von administrativen Prozessen wie Baugenehmigungen. Die meisten Planungsprozesse sind zwar schon seit langem digital. Die Digitalisierung endet aber oft im Genehmigungsverfahren, weil viele Behörden noch nicht entsprechend aufgestellt sind, was sich jetzt in der Krise mit Home Office und begrenztem Aktenzugang zeigt. Was bislang als digitaler Bauantrag gilt, ist im Kern dann doch oft noch papiergebunden. Die Unterlagen können zwar digital eingereicht werden, müssen aber häufig aufgrund der Schrifterfordernis zusätzlich in Papier abgegeben werden. Ein durchgängiger digitaler Workflow ist das in der Regel aber nicht. Die „Musterbauvorlagenverordnung zur Erleichterung digitaler Verfahren“ ist da zumindest ein richtiger Schritt, aber noch lange nicht das Ende der Entwicklung.

Welche weiteren Ansätze sehen Sie?

Dirk Dingfelder: Das werden wir in den nächsten Wochen und Monaten einmal zusammenstellen. Das Spektrum fängt an bei der Diskussion mit den Zertifizierern, die sich in Summe sehr kooperativ gezeigt haben, wenn es um auslaufende Zertifikate für Produkte oder Unternehmen ging, die in der Krise verlängert werden mussten. Vereinfachungsschritte, die sich bewährt haben, sollten in die Abläufe der Zertifizierung integriert werden. Ein weiteres Thema ist „remote services“, welches einen Aufschwung erfahren wird und für das wir gerade eine europäische Norm vorbereiten, die sich auf der Zielgeraden befindet. Und last but not least haben wir ein Team gebildet, das sich mit Sicherheits¬aspekten rund um Infrastrukturen wie Krankenhäuser und Alten- und Pflegeheime befasst. Wir werden dort künftig Systeme zum Besuchermanagement brauchen und die Belüftung überdenken müssen, wenn die Virenkonzentration in geschlossenen Räumen eine kritische Größe erreicht. Das Thema Beatmung bedeutet Sauerstoff, und das wiederum kann brandschutzrelevant werden. Von daher sollten Brandschutzkonzepte entsprechender Einrichtungen überprüft werden.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Dirk Dingfelder: Dass sie manchmal mehr auf den Rat der Industrie hört. Natürlich haben wir kommer-zielle Interessen, und die artikulieren wir auch. Oft wird uns aber Klientelpolitik unterstellt, wo es gar nicht zutrifft. Um das aber auch deutlich zu sagen: Wir arbeiten auf der operativen Ebene mit einer Vielzahl von Behörden, Ministerien und sonstigen Institutionen gut und eng zusammen. Zwei Beispiele. Erstens: Bereits am Anfang der Krise haben wir uns als ZVEI dafür eingesetzt, dass die Politik auf eine Unterscheidung zwischen „systemrelevanten“ und „nicht systemrelevanten“ Unternehmen verzichtet, wie dies in Italien praktiziert wurde. Vielmehr musste geregelt werden, dass Techniker, gleichgültig ob Sicherheitstechniker, Energieanlagenelektroniker oder Installateur, Zutritt zu Krankenhäusern und Pflegeheimen bekamen, wenn dies erforderlich war. Auf den Einsatzzweck kommt es an. Hier haben Industrie und Politik an einem Strang – und am selben Ende – gezogen. Zweitens: Aus dem Verband kam vor einigen Monaten der Vorschlag, eine Verordnung über elektrische Betriebsräume anzupassen, weil die geltende veraltet und nicht mehr zeitgemäß ist. Wir haben einen konstruktiven Vorschlag erarbeitet, der vom zuständigen Gremium angenommen wurde und jetzt umgesetzt wird.

Wir geben aber auch über den ZVEI zu einer Vielzahl von Entwürfen von Gesetzen und Verordnungen Stellungnahmen ab, bei denen unsere Argumente nicht berücksichtigt werden, selbst wenn es um die Korrektur offensichtlich fehlerhafter oder unzeitgemäßer Regelungen geht. Hier wünschen wir uns eine konstruktivere Umgangsweise.

Und wie kommen Sie persönlich durch die Krise, Herr Dingfelder?

Dirk Dingfelder: Bislang sehr gut. Ich habe auch feststellen können, welche Herausforderungen das tägliche Verbinden von Arbeit und Familie mit sich bringt. Diese Erfahrungen sollten wir alle gut konservieren, um nach der Krise auch daraus Schlüsse in Politik und Unternehmen zu ziehen.
 

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