Die Zukunft der IP-Standardisierung - Interview mit ONVIF-Vorstand Per Björkdahl

  • Per Björkdahl, Vorstand des ONVIF-LenkungsausschussesPer Björkdahl, Vorstand des ONVIF-Lenkungsausschusses

Kaum jemand würde vermutlich bestreiten, dass es angesichts der zunehmenden Ausbreitung von IP-Sicherheitstechnologien gewisser Standards bedarf, die in eine gemeinsame Richtung führen. In den letzten Jahren war ONVIF eine der Organisationen, die sich vornehmlich um diese Standardisierung bemüht hat. Seit dem Start 2008 ist die Organisation kräftig gewachsen - mehr als 2.500 Produkte sind heute zertifiziert. Weltweit gibt es mehr als 430 Mitgliedsunternehmen. Wir sprachen mit Per Björkdahl, Vorstand des ONVIF-Lenkungsausschusses, darüber, wo die Standardisierung im physikalischen Sicherheitsmarkt heute steht, über die Weiterentwicklung der ONVIF-Spezifikation zur Interoperabilität von Produkten sowie über den Einfluss der Organisation auf das Marktgeschehen.

GIT-SICHERHEIT.de: Standards stehen seit einigen Jahren im Zentrum der Diskussion rund um die IP-Technologie. Welche Rolle hat ONVIF in dieser Debatte gespielt?

Per Björkdahl: Als wir diese Initiative im Namen einer Handvoll Firmen ins Leben riefen, stand die Industrie am Beginn eines Wandels in Richtung IP - und das hatte natürlich einen enormen Einfluss auf die Aktivitäten von ONVIF während der letzten Jahre. Heute beschleunigt sich die Entwicklung hin zur Standardisierung, weil man erst so in sein Unternehmen integrieren kann, was an neuen Produkten alles auf den Markt kommt. Diese Öffnung gegenüber Standards und das Wachstum von ONVIF passierten sehr schnell. Was mit ein paar wenigen Firmen begann, umfasst jetzt über 400 Unternehmen. Und was noch wichtiger ist: Wir erreichen jetzt auch eine kritische Masse von kleinen Unternehmen die wir repräsentieren.

Wie steht ONVIF im Vergleich mit anderen da, die sich um Standardisierung bemühen?

Per Björkdahl: Wir finden, dass die Ausbreitung von ONVIF in der Industrie für sich spricht. Mehr als 400 Unternehmen sind dem Forum beigetreten, um etwas zu unserer Weiterentwicklung beizutragen und das Interface in ihre Produkte zu implementieren. Vergleiche mit anderen Gruppierungen wie etwa PSIA sind schwierig, weil wir einen ganz anderen Ansatz verfolgen.

ONVIF überzeugt mit seinen Web-Services und seinem rechtlichen Rahmen sowie mit seiner Entscheidung für eine grundlegende Spezifikation von der aus dann jede Einzeldisziplin individuell angegangen wird - also etwa Video, Zutrittssteuerung oder Einbruchmeldung.

Wie tiefgehend greift ONVIF in die Produkte ein, um Standardisierung zu erreichen?

Per Björkdahl: Es liegt in der Natur der Standardisierung, dass sie bestimmte Mindestanforderungen formuliert, die sicherstellen, dass die jeweiligen Produkte auf einer grundlegenden Ebene miteinander operieren können. In dem Maße, in dem zunehmend Funktionen als Teil dieser grundlegendenden Anforderungen angesehen werden, wird ONVIF diese als Teil der Spezifikation integrieren. Und auch die Innovationen und Ergänzungen von Features seitens der Hersteller werden wir beobachten und integrieren.

Was wird im Zuge der Standardisierungsfortschritte bei den Herstellern für die Weiterbildung der Nutzer getan?

Per Björkdahl: Einer der Schwerpunkte von ONVIF ist es, sicherzustellen, dass Systemintegratoren und Endnutzer von den Vorzügen von ONVIF erfahren und wir wollen ihnen deutlich machen, dass es eine große Auswahl von Produkten gibt. Diese Freiheit, sich das Beste und Passendste herauszusuchen unter den Kameras, Encodern, DVRs oder NVRs ist eine der Vorteile der Standardisierung - dadurch ist sichergestellt, dass künftige Ergänzungen des Videosystems immer zum bestehenden Equipment kompatibel sind. ONVIF hat auch eine Reihe von Weiterbildungsmaßnahmen aufgelegt - speziell für Endnutzer, Integratoren und Berater - das reicht von Online-Webinaren bis zu Drittanbieter-Trainings bei verschiedenen Messen.

Inwieweit erleichtert und verbessert die Einführung von Profile S für Video-Streaming den Konformitäts-Prozess?

Per Björkdahl: Wenn zwei Produkte Profile S-gekennzeichnet sind, weiß man, dass sie zusammenarbeiten - das ist der vorrangige Nutzen von Profile S. Anstatt zu versuchen, herauszufinden, ob eine Version der ONVIF-Spezifikation mit einer anderen kompatibel ist, oder welche Features eines Produkts womöglich die Interoperabilität beeinträchtigt, kann man sich an die Profile-S-Kennzeichnung halten. Das gilt auch für künftige Profile-Releases wie etwa Profile G für Aufzeichnungs- und Speicherprodukte sowie Profile C für physikalische Zutrittssteuerung und Video-Integration.

Welche ONVIF-Aktivitäten sind als nächstes zu erwarten?

Per Björkdahl: Nach der voraussichtlichen Vorstellung der Basisspezifikation für die Zutrittssteuerung und Test-Tools im Verlauf des Jahres, werden wir uns auf ein neues Gebiet konzentrieren. Dabei könnte es um neue Fortschritte bei der physikalischen Zutrittssteuerung oder um Einbruchmeldetechnik gehen. Beides bietet sich als nächster Schritt an - aber letztlich entscheiden die Mitarbeiter über den weiteren Kurs. Von Anfang an lag der Schwerpunkt von ONVIF auf Video, denn wir waren überzeugt, dass der Markt das anerkennen würde - und außerdem war der Bedarf an Standardisierung und Interoperabilität bei der Netzwerkvideotechnik besonders akut. Aber ONVIF hat auch immer gesehen, dass es auch in anderen Segmenten Bedarf für Spezifizierungen gibt - darauf haben wir uns durch die ONVIF zugrundeliegende Architektur vorbereitet.

Wie werden solche Richtungsentscheidungen bei ONVIF eigentlich getroffen?

Per Björkdahl: Die Rückmeldung der Mitglieder ist für uns entscheidend, wenn es um die Festlegung unserer nächsten Schritte geht. ONVIF betreut jedes Jahr eine Vielzahl von Veranstaltungen, um dieses Feedback einzuholen - ob beim Hersteller, der bei einem „Plug-Fest" die Interoperabilität von Produkten testet oder bei öffentlichen Veranstaltungen dieser Art bei großen Messen. Im Verlauf des vergangenen Jahres haben wir auch verschiedene offene Foren mit Podiumsdiskussionen bei Industrieveranstaltungen veranstaltet oder haben an solchen teilgenommen. So erhalten wir aus erster Hand Feedback von allen Beteiligten. Dazu kommen Fragebogen und Webinare - und wir können uns auf die Projektleiter unserer Mitgliedsunternehmen stützen, die uns das Feedback ihrer jeweiligen Kunden zum Funktionieren der Spezifikationen vermitteln - im Zusammenhang mit bestimmten Produkten oder im Rahmen bestimmter Szenarien. Beiträge und Rückmeldungen aller Beteiligter sind uns immer willkommen und helfen uns unsere Zukunftsentscheidungen zu treffen.

Was erwartet uns in der nächsten Zukunft aus dem Bereich der Standardisierung?

Per Björkdahl: Auch wenn Standardisierung typischerweise ein eher gradueller, evolutionärer Prozess ist, ist ONVIF in den ersten vier Jahren sehr schnell und stark gewachsen. Es kann deshalb nicht überraschen, dass dies in zunehmendem Maße zu Reibung zwischen der Erwartungen im Markt an die Spezifikation und den technischen Grenzen der Standardisierung führt, die ihrerseits von dem Grad der Ausgereiftheit der IP-Technologie abhängt. Eine starke Konzentration auf den Konformitätsprozess wird die Qualität der Spezifikation sicherstellen und für weiter zunehmende Akzeptanz im Markt sorgen.

 

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