Die sicherheitstechnischen Trends von Brandschutz bis Gebäudeautomatisierung

  • René Jungbluth, Head Solutions and Services Portfolio, Siemens Schweiz AG, Building Technologies DivisionRené Jungbluth, Head Solutions and Services Portfolio, Siemens Schweiz AG, Building Technologies Division

In zwanzig Jahren werden rund 60 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Damit wird das ­öffentliche Sicherheitsbedürfnis drastisch ansteigen und die Forderung, Menschen, Wertgegenstände und Infrastrukturen zu schützen, sich immer lauter stellen. Denn ­überall, wo Menschen auf engem Raum leben und arbeiten, sind ­sowohl ­Sicherheit als auch Komfort äußerst wichtig. Städte, die keine ­sichere Umgebung bieten können, sind ­weniger attraktiv für potenzielle ­Bewohner wie auch für Unter­nehmen, die auf Standortsuche sind. Die sicherheitstechnischen Trends von Brandschutz bis Gebäudeautomatisierung erläutert René Jungbluth, Head Solutions and ­Services Portfolio, Siemens Schweiz AG, Building Technologies Division.

Der Markt für Brandschutz präsentiert sich heute eher homogen, auch wenn die Anforderungen aufgrund der unterschiedlichen Gesetzgebungen in den einzelnen Ländern unterschiedlich sind. Demgegenüber zeigt sich der Markt für Sicherheitslösungen stark fragmentiert: Es gibt einige wenige große Anbieter und zahlreiche kleine oder Nischenanbieter. Allerdings ist derzeit eine Marktkonsolidierung zu beobachten. Die Nachfrage nach Brandschutz- und Sicherheitslösungen steigt vor allem in Ballungszentren parallel zur wachsenden Kriminalität und Terrorismus. In der Gebäudetechnik fragen die Nutzer nach energieeffizienteren und nachhaltigen Lösungen.

Systemintegration
Die bisher klare Trennung zwischen Brandschutz-, Sicherheits- und Gebäudeautomatisierungssystemen verschwindet zunehmend. Die Anwender fragen nach umfassenden, integrierten Notfall- und Gebäudeautomatisierungslösungen und nach Dienstleistungen, die Mehrwert generieren. Unter der Bezeichnung Total Building Solutions bietet Siemens solche integrierten Lösungen an, die zahlreiche Gewerke abdecken: elektrische Installationen, Heizung, Lüftung und Klima, Beleuchtung, Zugangskontrolle, Videoüberwachung, Alarmsysteme, Brandschutz und Evakuierung.

Konvergenz
Konvergenz war bisher schon ein wichtiges Thema und wird weiter vorangetrieben.

Physische Sicherheitsmaßnahmen in Gebäuden werden IT-lastiger, dabei sind IT- und IP-basierte Lösungen die Treiber für die Konvergenz. Insbesondere bei mittleren und großen Installationen müssen vermehrt bestehende IT-Infrastrukturen einbezogen und genutzt werden, so dass Unternehmens- und Sicherheitssysteme parallel betrieben werden.

Kabellose Kommunikationstechnologie
Kabellose Kommunikationstechnologie erreicht einen Reifegrad, der es erlaubt, sie ergänzend zu herkömmlichen kabelbasierten Kommunikationstechnologien zu nutzen. In spezifischen Sicher­heits- und Brandschutzumgebungen lassen sich so bestehende Installationen optimieren. Ein Paradebeispiel hierfür sind Renovierungen und Modernisierungen beispielsweise von historischen Gebäuden und Museen, in denen eine nachträgliche Verkabelung schwierig ist.

Mehrfache Datennutzung
Mit Hilfe von Daten, die aus verschiedenen IT-Systemen aggregiert werden, lassen sich Sicherheitslösungen optimieren. So können Daten aus der Zutrittskontrolle genutzt werden, um Evakuierungen zu unterstützen. Damit steigt zum einen der Bedarf nach der Analyse solcher Daten, zum anderen müssen größere Datenvolumen verarbeitet werden können. Videoanalyse ist dafür ein gutes Beispiel: Dank intelligenter Analyse kann ein Objekt in einer Videoüberwachungssequenz definiert und dann das Videomaterial automatisch nach Sequenzen durchsucht werden, in denen sich dieses Objekt bewegt - zum Beispiel ein Auto in einem Parkhaus oder ein verdächtiger Koffer auf einem Flughafengelände.

Unternehmensweite Sicherheit
Sicherheitsbeauftragte in Unternehmen ­sehen sich nicht nur mit unterschiedlichen, sich gegenseitig beeinflussenden Bedrohungen konfrontiert, sondern müssen auch das sich ändernde betriebliche Umfeld berücksichtigen. Schutzmassnahmen können nicht auf eine Niederlassung allein, nicht einmal auf ein Land allein begrenzt werden. Vielmehr ist ein globaler, unternehmensweiter Ansatz erforderlich. Dieser kann einzelne Niederlassungen berücksichtigen oder alle Filialen eines Unternehmens und jederzeit die aktuelle Sicherheitslage der Niederlassungen prüfen, und dies auch im Fernzugriff. Über eine zentrale Managementstation lassen sich sicherheitsrelevante Standards implementieren und unternehmensweit umsetzen - sogar weltweit.

Intelligenz
Systeme, die intelligent auf Vorfälle reagieren - Siemens spricht hier von „Intelligent Response" - ermöglichen einen dynamischen Umgang mit Notfällen und situationsgerechte Reaktionen darauf. Solche Lösungen kombinieren Brandschutz mit sprachgesteuerten Alarmsystemen, Massenbenachrichtigung, Evakuierung, Löschung, Notfallbeleuchtung und Gebäudeautomatisierung in einer einzigen Plattform. Der Bedarf nach intelligenter Evakuation wird von verschiedenen Faktoren getrieben: Gebäude, allen voran Hochhäuser in Ballungsgebieten, werden immer höher gebaut, große Sportstadien entstehen, Universitäts- und Firmengelände bedecken immer weitläufigere Areale. Vor Kurzem hat Siemens den Prototypen einer Software zur Evakuierungssimulation vorgestellt. Sie simuliert Evakuierungsszenarios und optimiert dabei die Fluchtwege in Gebäuden und Sportstadien, kann also präventiv schon bei der Gebäudeplanung genutzt werden. Außerdem lässt sich die Software in künftigen Gebäudeautomatisierungs- und Intelligent-Response-Systemen einsetzen, um die Evakuierung direkt zu unterstützen.

Total Cost of Ownership
Angesichts der aktuellen Wirtschaftslage werden die Gesamtkosten (Total Cost of Ownership, TCO) der Brandschutz-, Sicherheits- und Gebäudeautomatisierungslösungen immer wichtigeRené Die Nutzer fragen nach Lösungen, die die TCO über den gesamten Systemlebenszyklus transparent machen. Um die TCO zu optimieren, müssen nicht nur alle Systeme konsolidiert werden, was den Betrieb effizienter macht, sondern sie müssen auch flexibel genug sein, um die Lösung an sich rasch ändernde organisatorische Rahmenbedingungen anzupassen, zum Beispiel wenn eine Niederlassung neu eröffnet oder eine andere geschlossen wird oder wenn Produktionsstätten verlagert werden.

Hosted Services / Managed Services
Weil Unternehmen sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren wollen, haben die Anbieter von Brandschutz, Sicherheit und Gebäudeautomatisierung immer öfter so genannte Hosted oder Managed Services sowie ein umfassendes Risikomanagement in ihrem Serviceportfolio. Das gestiegene Bewusstsein um Brand- und Sicherheitsrisiken, Kostendruck sowie Effizienzstreben lassen die Nachfrage nach innovativen Sicherheitsdiensten wachsen, unter anderem in Grossunternehmen, in der Chemie- und Pharmabranche, auf Flughäfen und in Kraftwerken. Demzufolge ist zu erwarten, dass sich heutige Brandschutz- und Sicherheitstechnologien stark Richtung Remote-Management entwickeln werden. Sicherheitsbetrieb und -services per Fern­zugriff zu steuern kann die Kosten für den Kunden senken, den Schutz bemannter wie auch unbemannter Standorte verbessern sowie die effiziente Verwaltung zahlreicher verteilter Standorte von einer zentralen Leitstelle aus ermöglichen.

Energieeffizienzüberwachung und Reporting
Um die Energieeffizienz zu überwachen, müssen die installierten Gebäudeautomatisierungssysteme ständig überprüft werden. Daraus werden Reports zusammengestellt, mit deren Hilfe sich die Performance der Systeme kontinuierlich optimieren und feinabstimmen lassen. In manchen Ländern schreibt das Gesetz den Gebäudebesitzern und -betreibern dies schon vor: Sie müssen den Energieverbrauch der Gebäude überwachen und im Lauf der Zeit Optimierungsmaßnahmen erarbeiten, um den Energieverbrauch zu senken.

Vertikale Lösungen
Unternehmen fragen zunehmend nach spezifischen Lösungen für individuelle Branchen und vertikale Märkte. Siemens liefert solche branchenspezifischen Lösungspakete, beispielsweise für Flughäfen oder Rechenzentren. Eine auf Rechenzentren zugeschnittene Lösung etwa hilft, den operativen Betrieb 7 x 24 aufrechtzuerhalten. Sie umfasst verschiedene Module, unter anderem Ansaugrauchmelder (Aspirating Smoke Detectors, ASD), die Schwelbrände detektieren, für die Rechenzentren aufgrund ihrer Verkabelung anfällig sind. Konventionelle Brandmelder bräuchten zu lange, um solche Schwelbrände zu erkennen. Auch für die Löschung bietet Siemens mit seiner „Silent Extinguishing"-Technologie eine Lösung, die die besonderen Gegebenheiten in Rechenzentren berücksichtigt: Weil die Löschdüsen besonders leise arbeiten, lassen sich Schäden an Festplatten verhindern, die entstehen würden, wenn mit dem bei der Gaslöschung normalen Geräuschpegel gearbeitet würde.


Investitionen ante portas - Vier Fragen an René Jungbluth

GIT-SICHERHEIT.de: Herr Jungbluth, Sie ­diagnostizieren ja einen weltweiten Anstieg der öffentlichen Sicherheitsbedürfnisse.
Wo wird sich das nach Ihren Erkenntnissen regional hauptsächlich durch Investitionen bemerkbar machen?

René Jungbluth: Die Vernetzung der Informationen, Notrufzentralen und Leitstellen kann nur optimal funktionieren, wenn alle relevanten Informationen in der richtigen Reihenfolge und Genauigkeit zur Verfügung stehen. Geht es zum Beispiel um einen terroristischen Akt wie etwa eine Geiselnahme auf einem Universitätscampus, müssen erstens die Menschen, die sich in unmittelbarer Nähe aufhalten, informiert, unterstützt und koordiniert werden. Zweitens müssen auch alle anderen auf dem Gelände An­wesenden rasch informiert werden, und zwar über die verschiedensten Kommunikationswege wie Mobiltelefone via SMS oder Anruf, Lautsprecher, Laptops und Funkgeräte. Ebenso muss eine zielgerichtete Evakuierung eingeleitet werden. Wie so oft sind die USA diesbezüglich der Pionier. All dies verlangt nach Investitionen, da derzeit die verschiedenen Systeme noch zu autark ausgelegt sind und bedient werden. Zudem ist eine intensivere Koordination zwischen Städteplanern, Gebäudeplanern, Polizei, Feuerwehr und anderen Beteiligten nötig.

Wenn Sie den europäischen und deutschen Markt betrachten: Wie sehen Sie die Entwicklung hier im internationalen Vergleich?

René Jungbluth: In Europa und hier vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist das Leitstellenthema hochaktuell, es steht demzufolge auch bei den Behörden weit oben auf der Tages­ordnung. In Europa übernehmen diese Länder eine Vorreiterrolle.

Gelten die von Ihnen ausgemachten Entwicklungslinien von Systemintegration und der steigenden Bedeutung intelligenter Funktionalitäten bis hin zum Trend zu vertikalmarktspezifischen Lösungspakten überall gleichermaßen? Oder sehen Sie auch gewissermaßen kulturelle Unterschiede?

René Jungbluth: Die Bedeutung intelligenter Funktionalitäten sowie die zunehmende Systemintegration sind in erster Linie davon abhängig, wie komplex und wie wichtig das zu schützende Objekt ist. Ein Flughafen oder eine Ölraffinerie ist strategisch wichtiger für ein Land oder eine Stadt als ein klassischer Immobilienpark, demzufolge muss und wird die Integration tiefer und funktionaler sein müssen. Des Weiteren spielt der Reifegrad der Region eine Rolle: In Europa finden sich diese Themen immer öfter auf der Tagesordnung, in den USA stehen sie dort bereits. In Nahost und Asien dagegen werden die Themen erst punk­tuell beachtet.

Sie sprechen auch die Fragmentierung des Marktes für Sicherheitslösungen an - im Gegensatz zur eher homogenen Struktur des Brandschutzmarktes. Wie wird sich das Ihrer Ansicht nach weiterentwickeln?

René Jungbluth: Momentan gibt es noch zu viele Anbieter im Sicherheitsmarkt, und eine Konsolidierung zeichnet sich erst langsam ab. Der größte Sicherheitsanbieter hat weltweit einen Marktanteil, der sich gerade mal im mittleren einstelligen Bereich bewegt. Das ist zu wenig, um die notwendigen Investitionen zu tätigen wie vor Jahren in der IT- bzw. IP-Welt.

 

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