Sicherheits- und Brandschutzkonzept aus einem Guss

GIT SICHERHEIT interviewt Merck-Sicherheitschef Bernd Saßmannshausen

  • Bernd Saßmannshausen, Abteilungsleiter Feuerschutz und Standortsicherheit. Foto: MerckBernd Saßmannshausen, Abteilungsleiter Feuerschutz und Standortsicherheit. Foto: Merck

Merck ist ein führendes Wissenschafts- und Technologie­unternehmen in den Bereichen Healthcare, Life Science und Performance Materials. Rund 50.000 Mitarbeiter ­weltweit und 10.900 in Deutschland arbeiten daran, ­Technologien weiterzuentwickeln, die das Leben bereichern – von biopharmazeutischen Therapien zur Behandlung von Krebs oder Multipler Sklerose über wegweisende Systeme für die wissenschaftliche Forschung und Produktion bis hin zu Flüssigkristallen für Smartphones oder LCD-Fernseher. Darmstadt ist der Sitz der Merck KGaA, der Dachgesellschaft für die operativen Geschäfte der Merck-Gruppe. Die Abteilung Feuerschutz und Standortsicherheit leitet Bernd Saßmannshausen. Er ist auch 1. Vorsitzender vom Werkfeuerwehrverband Hessen und Landesvertreter im Vorstand des Werkfeuerwehrverbandes Deutschland e. V., sowie ehrenamtlicher Prüfer bei den IHKen Darmstadt und Frankfurt. Unser wissenschaftlicher Schriftleiter Heiner Jerofsky interviewt Bernd Saßmannshausen zu seinem ­Sicherheits- und Brandschutzkonzept sowie zur Betriebs- und Arbeitssicherheit (Umweltschutz) bei Merck, einem weltweit tätigem Chemie- und Pharmaunternehmen.

GIT SICHERHEIT: Sie sind seit 18 Monaten Hauptabteilungsleiter für Feuerschutz und Standortsicherheit und verantwortlich für die Themen Brandschutz und Security an den Standorten Darmstadt und Gernsheim. Zuvor waren Sie Leiter der Einheit Feuerschutz und Sicherheit am Standort Gernsheim. Wie haben Sie sich in die neue Aufgabe eingearbeitet und wie muss man sich die Organisation Ihrer Abteilung vorstellen?

Bernd Saßmannshausen: Die Einarbeitung ist eigentlich über viele Jahre erfolgt, da ich als Stellvertreter meines Vorgängers, Herrn Warmbier, in allen wesentlichen Themen involviert war. Zum anderen war ich bereits 11 Jahre für die Abteilung in Gernsheim zuständig, sodass sich an den grundlegenden Themen nichts verändert hat, aber natürlich ist die Gesamtorganisation größer. Grundsätzlich ist unsere Organisation wie in anderen Unternehmensbereichen auch in einer Linienstruktur aufgebaut. In Darmstadt gibt es eine Abteilung des 24 Stunden Einsatzdienstes sowie eine Abteilung mit Ingenieurleistungen und Supportfunktionen für die Themen Brandschutz, Einsatzvorbereitung, Feuerwehrtechnik und Security.

In einer Art „Parallelwelt“ planen wir aber auch die Einsatzfunktionen für Einsätze im abwehrenden Brandschutz, der technischen Unfallhilfe, des Rettungsdienstes und der Security.

Sie sind studierter Architekt. Wie sind Sie zur Feuerwehr und zum Werkschutz gekommen und war das immer schon Ihr Berufsziel?

Bernd Saßmannshausen: Schon mit 12 Jahren habe ich bei der Freiwilligen Feuerwehr meines Heimatortes angefangen und bin schon von Anfang an in immer größer werdende Führungsrollen gerutscht. Der direkte Weg hat mich nicht in den Feuerwehrberuf geführt. Das Thema „Bau“ liegt quasi in der Familie und ich hatte auch sehr viele Ferienjobs am Bau. Das hat mich zum Architekturstudium geführt und ich habe danach in einem Ingenieurbüro gearbeitet, vorwiegend in Industriebau-Projekten. Doch ein paar Jahren später habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht und bin als Ingenieur zur Werkfeuerwehr Merck gegangen.

Die Qualität der Werkfeuerwehr und des Werkschutzes in einem großflächigen Chemiegelände in unmittelbarer Nähe einer Großstadt ist für Mitarbeiter und die Region von besonderer Wichtigkeit. Mit welchem Aufwand an Personen und Technik schaffen Sie diese Herausforderung?

Bernd Saßmannshausen: Der Gesamtbereich Feuerschutz und Sicherheit hat in Darmstadt ca. 150 und am Standort in Gernsheim rund 60 Mitarbeiter. Insbesondere der 24 Stunden Einsatzdienst an 365 Tagen im Jahr benötigt einen großen Personalpool. Um aber die Personalressourcen optimal nutzen zu können oder auch weiter zu optimieren ist adäquater Technikeinsatz unabdingbar. So sind bei der Security z. B. ehemals personalbesetzte Tore durch Drehkreuze mit einem elektronischen Zutrittsberechtigungssystem ersetzt worden. Auf der Brandschutzseite haben wir Einsatzfahrzeuge mit sehr viel Technik ausgestattet und auch in sehr kritischen Gebäuden automatische Löschanlagen zur Unterstützung der Einsatzkräfte installiert. Damit all diese Technik im Schadensfall funktioniert, liegt ein besonderes Augenmerk auch auf der Wartung und Instandhaltung aller Sicherheitseinrichtungen. Die Werkfeuerwehr selbst übernimmt auch solche Aufgaben als verrechnete Dienstleistung, z. B. für unsere Löschanlage und die Atemschutz- und Gerätetechnik am Standort. Aber auch andere Abteilungen tragen einen hohen Anteil an der Sicherheit des Standortes, z. B. die Arbeits- und Anlagensicherheit.

Wie würden Sie Ihr Sicherheits- und Brandschutzkonzept beschreiben? Gibt bei Merck eine besondere Sicherheitsphilosophie?

Bernd Saßmannshausen: Die gesetzlichen und unternehmensinternen Vorgaben sind immer einzuhalten und haben einen sehr hohen Stellenwert im Unternehmen. Das Ziel für Merck sind sichere Arbeitsplätze, eine möglichst störungsfreie Produktion sowie der Schutz von Umwelt und Nachbarschaft. Um all dem gerecht zu werden sind die Fachstellen, u.a. Brandschutz und Security, zwingend einzubinden. Diese erstellen zu jedem Projekt ein Konzept, das mit dem späteren Nutzer abgestimmt ist. Seit einigen Jahren gibt es für relevante Daten auch Kennzahlen, sogenannte KPI. Dies sind z. B. die Zahl der Ausfallstunden pro Arbeitsunfall oder die Einhaltung der behördlich vorgegebenen Eingreifzeit der Werkfeuerwehr.

Sie betreiben auf dem Werksgelände eine eigene Feuerwehr- und Rettungswache. Entspricht sie einer modernen Notruf- und Sicherheitsleitstelle (NSL) und welche Zusatzleistungen kann sie für das Werk für die Bereiche Umweltschutz, Arbeitsschutz und Verkehrssicherheit erbringen?

Bernd Saßmannshausen: Sicherlich ist unsere NSL auf einem hohen technischen Stand, der sich u.a an der DIN EN 50518 orientiert. Über diese Funktionen einer NSL hinaus ist die Grundausrichtung aber die der Feuerwehrwelt und der Merckschen Bedürfnisse. So sind wir im digitalen BOS-Netz des Landes Hessen integriert und steuern damit unsere Einsatzkräfte selbst. Wir können aus der Sicherheitsleitstelle heraus in viele Gebäude am Standort über Lautsprecheranalgen hineinsprechen und warnen. Neben Brandmelder laufen in der Leitstelle auch Alarme der Security-Anlagen und kritische Haustechnikmeldungen bei uns auf. Die Zusatzleistungen sind vielfältig und ich kann auch nur einige Dinge aufzählen. Hierzu gehören u.a.:

  • Aufgaben der Telefonzentrale nach 19 Uhr und an Wochenenden/Feiertagen, hierbei sind Englischkenntnisse sehr wichtig
  • Abarbeiten verschiedener Informationsketten bei Ereignissen
  • Zentrale Meldestelle für unterschiedliche Szenarien (Personenschäden, Kanal, Medikamenten anfragen usw.) und Auslösen von Aktionen
  • Empfangen und Weiterleiten von Schadensmeldungen aus dem weltweiten Konzern
  • Mit den erwähnten kritischen Haustechnikalarmen überwachen wir wichtige Bereiche der Produktion und der Forschung (z. B. Flüssigkeits- oder Temperatursensoren).

Ihr werkseigener Rettungsdienst mit ausgebildeten Besatzungen aus den Reihen der Feuerwehr steht rund um die Uhr zur Verfügung. Wie oft werden sie eingesetzt? Wo bilden Sie Ihre Rettungsassistenten aus und stehen ihre Einsatzkräfte auch der städtischen Rettungsleitstelle zur Verfügung?

Bernd Saßmannshausen: Die Statistik zeigt, dass wir rund 320 mal pro Jahr zu einem internen Einsatzort fahren. Das Spektrum reicht von kleinen Schnittwunden, Bänderdehnung und Herz-/Kreislauferkrankungen bis zu Kindernotfällen, da wir auch eine eigene Kindertagesstätte haben. Die Zahl der chemietypischen Unfälle ist zum Glück sehr gering. Außerhalb des Standortes Darmstadt werden wir 60 bis 80 mal pro Jahr durch die Leitstelle der Berufsfeuerwehr Darmstadt zur Spitzenabdeckung angefordert

Welchen Stellenwert hat der vorbeugende Brandschutz im Werk und wie umfangreich sind Kontrolltätigkeiten und Präventivhinweise oder Schulungen für die Mitarbeiter/innen?

Bernd Saßmannshausen: Alle präventiven Maßnahmen haben einen sehr hohen Stellenwert im Unternehmen, denn es soll zu keinem Schadensereignis jeglicher Art kommen. Dies betrifft natürlich auch den vorbeugenden Brandschutz. Wenn dennoch etwas passiert, dann müssen die Auswirkungen so gering wie möglich sein und dem Personenschutz gilt hierbei noch ein besonderer Augenmerk. Wir setzen hierbei auf Brandfrüherkennung durch verschiedene Brandmeldesysteme und Sensorik, um Abweichungen vom Normalbetrieb sehr früh zu erkennen. In Kombination mit der schnellen Eingreifzeit einer Werkfeuerwehr (5 Minuten) kommt es sehr selten zu größeren Ereignissen. Wie bei einem Puzzle kommen aber noch einige Bausteine hinzu, die zu einem großen Gesamtkonzept gehören. Dies sind zum Beispiel ein Arbeitsfreigabe-System, Kontrollen durch geschulte Betriebsmitarbeiter oder auch die Werkfeuerwehr. Das Thema Schulung nimmt einen breiten Raum ein. Zum einen natürlich die Werkfeuerwehrmänner und –frauen, aber auch die Betriebsmitarbeiter. Wir bieten Schulungen für viele Themen an:

  • Handhabung Feuerlöscher/Brandschutzhelfer
  • Erste Hilfe
  • Räumungsübungen/Verhalten im Notfall
  • Pflichten der Vorgesetzten
  • Atemschutzgeräte
  • Die übrigen Sicherheitsbereiche unseres Unternehmens vervollständigen die Themen durch themenbezogene Unterweisungen (Umweltschutz, Arbeitsschutz).

In welchem Umfang wird bei Ihnen Brandmelde- und Alarmierungstechnik eingesetzt und wie viele Alarme bearbeitet die Feuerwehr innerhalb des Werksgeländes?

Bernd Saßmannshausen: Wie bereits gesagt, ist eins unserer Ziele möglichst früh von einer Abweichung bzw. eines Schadens zu erfahren. Daher ist die Gefahrenmeldetechnik ein Schwerpunkt in unseren Sicherheitskonzepten. Nur dadurch können wir die kurzen Interventionszeiten optimal nutzen und den Schaden für Mensch, Umwelt aber auch für das Unternehmen sehr gering halten. Nicht aus allen Alarmen, die die Sicherheitsleitstelle bearbeitet, resultieren Einsätze für die Feuerwehr oder die Security. Statistisch haben wir fast täglich eine Feuermeldung über Brandmeldeanlagen oder durch Anrufe, aber nur 1mal pro Monat ist dies ein bestätigtes Feuer. Dies ist in aller Regel ein Kleinbrand, der durch Betriebsmitarbeiter oder die Werkfeuerwehr gelöscht wird. Eine Technische Hilfeleistung haben statistisch einmal pro Tag, davon wiederum ist dies aber nur ein- bis zweimal pro Woche ein Chemieeinsatz, meist mit Tropfleckagen.

Welche vordringlichen Aufgaben hat Ihr Werkschutz und wie ist er ausgebildet? In welchem Umfang werden Ihre Mitarbeiter/innen auch zur Ermittlung und Verfolgung von Kriminalität eingesetzt?

Bernd Saßmannshausen: Unser Bereich Security ist zweigeteilt. Zum einen die klassische Zutrittskontrolle, deren Aufgabe es ist, den Zutritt Unbefugter zu verhindern. Alle Besucher, Handwerker und Lieferanten durchlaufen einen Prozess von Voranmeldung, Sicherheitsunterweisung (z. B. Sicherheitsfilm), Identitätsüberprüfung bis zur Ausweiserstellung. Gefahrgut-LKW durchlaufen bei uns auch einen GGVS-Check, bevor sie in das Werk einfahren dürfen. Im Rahmen der Digitalisierung haben wir den Prozess der Anmeldung und Sicherheitsbelehrung überarbeitet und diese Schritte im Internet verfügbar gemacht. Heute kann ein Gast alle seine Daten und auch die Sicherheitsunterweisung mit Test vorher am Rechner durchführen und bringt zur Bestätigung nur noch einen QRL-Code mit. Nach Identifikation mittels Ausweis bekommt er seine Zutrittslegitimation. Zum anderen haben wir einen Bereich des Security Managements. Hier werden Sicherheitskonzepte für Gebäude und Bereiche mit dem Nutzer entwickelt. Wenn erforderlich werden Kameraüberwachungen, Einbruchmeldeanlagen sowie Zutrittskonzepte zu Gebäuden in einem Securitykonzept beschrieben und umgesetzt. Sowohl der vorbeugende Brandschutz als auch das Security Management sind in die Investitionsprozesse des Unternehmens eingebunden und geben jedes Mal eine Stellungnahme und ein eigenes Konzept zum Projekt ab. Die Alarmverfolgung wird über die gemeinsame Sicherheitsleitstelle gesteuert. Tagsüber werden Einheiten der Security und der Werkfeuerwehr alarmiert. Außerhalb der Hauptgeschäftszeit ist dies eine Aufgabe, die innerhalb des Werkes ausschließlich von der Werkfeuerwehr wahrgenommen wird. Außerhalb des Werkes bedienen wir uns eines Dienstleisters. Auf die Themen Qualifikation und Ausbildung legen wir einen sehr hohen Wert. Denn nur eine gut ausgebildete Sicherheitskraft kann in kritischen Situationen sicher handeln. Die Basisqualifikationen sind Servicekraft für Schutz und Sicherheit bzw. früher Werkschutzfachkraft. Die Führungskräfte sind alle IHK Meister für Schutz und Sicherheit. Dazu kommen noch einige Zusatzqualifikation von Fremdsprachen über EDV bis zu Telefontrainings. Da die Werkfeuerwehr außerhalb der Geschäftszeit die meisten Aufgaben der Security übernimmt, sind alle Werkfeuerwehrleute auch als Servicekraft für Schutz und Sicherheit bzw. Werkschutzfachkraft ausgebildet.

Das Ausweiswesen ist ein wesentlicher Bestandteil Ihres Zutrittskontrollsystems. Wie wird der umfangreiche Personen- und Warenverkehr von Internen und Externen abgewickelt?

Bernd Saßmannshausen: Wir haben den Besucherverkehr von den Lieferanten und Kontraktoren getrennt. Wir wickeln diese an unterschiedlichen Zugänge ins Werk ab. Wie vorher schon dargestellt, kann man sich heute als Besucher oder Kontraktor über Online-Systeme anmelden, Daten eingeben und einen Sicherheitstest absolvieren. Nach der Identifikation an unserem Schalter bekommt man einen Ausweis. Wer ohne diese Hilfe kommt, kann seine Abwicklung beschleunigen, in dem er diesen Prozessschritt an einem Terminal am Besucherempfang oder dem Fremdfirmenzugang eigenständig durchläuft. Diese Digitalisierung garantiert uns eine lückenlose Dokumentation und einen schnellen Durchlauf.Die ausgehändigten Ausweise enthalten neben den Daten des Trägers natürlich auch die Zuordnung von Zeit- und Raumzonen und verlieren ihre Gültigkeit nach Ende des Besuches oder nach Ende eingestellter Fristen, z. B. Ablauf Gültigkeit der Sicherheitsunterweisung nach einem Jahr oder Ablauf einer Aufenthaltserlaubnis.

Welche Bedeutung haben technische Sicherheitseinrichtungen, wie Videoüberwachung, Perimeterschutz und mechanische Sicherungen für die Werksicherheit?

Bernd Saßmannshausen: Wie auch beim Brandschutz gewinnt die elektronische Überwachung mehr und mehr an Bedeutung. Wir investieren in den nächsten Jahren sehr viel Geld in die Verbesserung des Perimeterschutzes. Die mechanischen Sicherungen sind immer die Basis eines Securitykonzeptes. Die organisatorischen, mechanischen und elektronischen Maßnahmen werden aber immer in einem Securitykonzept je nach Risikobewertung individuell zusammengestellt.

Vielen Dank für die Einblicke in Ihre Tätigkeit. Ich wünsche Ihnen und Ihrem Team weiterhin wenig Einsätze und viel Erfolg bei Ihrer wichtigen Arbeit.

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Merck KGaA
Frankfurter Str. 250
64293 Darmstadt
Germany

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