Interview mit Wilfried Gräfling, Landesbranddirektor der Berliner Feuerwehr

  • Dipl.-Ing. Wilfried Gräfling, Landesbranddirektor der Berliner FeuerwehrDipl.-Ing. Wilfried Gräfling, Landesbranddirektor der Berliner Feuerwehr

Die Berliner Feuerwehr ist mit 4.200 Bediensteten zusätzlich 1.400 Mitarbeiter/innen bei den ­freiwilligen Feuerwehren und 900 Jugendfeuerwehrleuten die größte Feuerwehr Deutschlands. Der ­Landesbranddirektor steht den drei großen Branddirektionen, fünf stadtweiten Serviceeinheiten und dem Bereich Arbeits- und Gesundheitsschutz vor. Unser wissenschaftlicher Schriftleiter Heiner Jerofsky befragt den Landesbranddirektor Wilfried Gräfling zu seiner wichtigen Arbeit für unser Gemeinwohl und den Herausforderungen für ­seine Mitarbeiter/innen bei der ­größten Feuerwehr Deutschlands.

GIT SICHERHEIT: Herr Gräfling, Sie haben die Gesamtverantwortung für ein umfangreiches Hilfeleistungssystem für die Großstadt Berlin. Können Sie unseren Lesern kurz erklären, welche unterschiedlichen Aufgaben Ihre Behörde zu erledigen hat?

Wilfried Gräfling: Unsere Aufgaben ergeben sich aus dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG):

  • Abwehr von Gefahren durch Brände Explosionen, Unfälle und ähnliche Ereignisse
  • der Notfallrettungsdienst
  • die Mitwirkung bei der Brandsicherheitsschau, also dem vorbeugenden Brandschutz
  • und wir sind oberste Katastrophenschutzbehörde.

Wieviel Einsätze bewältigen die Berufsfeuerwehr und die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Berlin jährlich und wie oft muss verletzten Menschen geholfen werden?

Wilfried Gräfling: Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 434.309 Einsätze gefahren, davon waren 363.599 Tätigkeiten des Notfallrettungsdienstes.

Wie viel Brände gab es 2015 in Berlin zu bekämpfen und wie lange brauchen die Einsatzkräfte durchschnittlich bis zum Einsatzort? Was waren die größten Schadensereignisse in diesem Jahr?

Wilfried Gräfling: Bei den 7.165 Bränden im vergangenen Jahr waren wir im Durchschnitt nach ca. 9,5 Minuten vor Ort. Unter den vielen Einsätzen ist sicherlich der Dachstuhlbrand in einem Neuköllner Pflegeheim erwähnenswert, bei dem 104 Bewohner in Sicherheit gebracht wurden. Auch der Wohnungsbrand im Wedding, bei dem zwei Kollegen durch herabstürzende Bauteile verletzt wurden – beiden geht es zwischenzeitlich wieder gut –, hebt sich aus der Menge der Einsätze hervor.

Im Stadtstaat Berlin ist eine integrierte Leistelle für das gesamte Bundesland zuständig. Welche Informations- und Kommunikationstechnik kommt dort zur Anwendung und wie viele Notrufe müssen mit wie viel Personal rund um die Uhr bearbeitet werden?

Wilfried Gräfling: Die Berliner Feuerwehr arbeitet mit einem hochkomplexen Einsatzleitsystem mit einer eingebundenen Funk-Draht-Vermittlung. Durchschnittlich sind 22 Dienstkräfte damit beschäftigt, täglich aus ca. 3.000 Anrufen etwa 1.300 zu beschickende Alarme auszusortieren.

Berlin hat mittlerweile mehr als 50.000 Flüchtlinge in mehr als 100 (Not-)Unterkünften aufgenommen. Welche Aufgaben und Hilfen konnten dabei Ihre Einsatzkräfte leisten und wie ist die Situation zurzeit?

Wilfried Gräfling: Seit August 2015 hat die Berliner Feuerwehr mit enormen Personalaufwand aus dem Bereich der Freiwilligen Feuerwehren in zahlreichen Notunterkünften, von der Turnhalle bis zum ehemaligen Flughafenhangar, Hunderte von Betten aufgebaut und Duschcontainer angeschlossen. Außerdem oblag uns die medizinische Versorgung der mit Zügen in Schönefeld ankommenden Flüchtlinge für Berlin und Brandenburg. Durch die sinkenden Zahlen der Neuankömmlinge war eine Mitarbeit unsere Behörde in 2016 nicht mehr notwendig.

Sie haben auch die Aufsicht über die Einhaltung der Rechtsvorschriften zum Arbeits- und Gesundheitsschutz. Was bedeutet das in der täglichen Praxis?

Wilfried Gräfling: Aufgrund der Vielschichtigkeit der Aufgaben habe ich ein Team von Sicherheitsingenieuren und Fachkräften für Arbeitssicherheit, die mich bei der Umsetzung von Gesetzen und Vorschriften unterstützen. Das betrifft neben organisatorischen Arbeitsschutzmaßnahmen auch die Beschaffung von Fahrzeugen und Geräten sowie die Anschaffung von neuer persönlicher Schutzausrüstung für jeden Kollegen.

Welche besonderen Aufgaben haben die verschiedenen Gruppen des Technischen Dienstes der Feuerwehr? Wie muss man sich den Einsatz dieser Spezialisten vorstellen?

Wilfried Gräfling: Der Technische Dienst rückt von seinen beiden Dienststellen immer dann aus, wenn vor Ort Geräte benötigt werden, die auf den normalen Lösch- und Hilfeleistungsfahrzeugen nicht oder nicht in ausreichender Größe vorhanden sind. Auch stehen beim TD zahlreiche Sonderfahrzeuge wie zum Beispiel Kran- und Rüstwagen, zahlreiche Wechselladerfahrzeuge und der Gerätewagen der Taucher zur Verfügung. Außerdem gibt es mehrere Feuerwachen mit Spezialaufgaben z. B.: Höhenrettung, Langzeitatemschutz (Regenerationsgeräte), Dekontamination und die Atemschutznotfall-trainierten Staffeln.

Welche Aufgaben erfüllt die Berliner Feuerwehr im Rahmen des vorbeugenden Brand- und Gefahrenschutzes und was sind besondere Schwerpunkte?

Wilfried Gräfling: Hauptschwerpunkt mit 85 % ist die Beteiligung der Berliner Feuerwehr im Baugenehmigungsverfahren durch Prüfinge­nieure für Brandschutz. Auf Basis der Leistungsfähigkeit der Feuerwehr werden Stellungnahmen zu Sonderbauten, Gebäuden der Gebäudeklasse 4 und 5 und Garagen mit einer Nutzfläche > 100 m² (BauO Bln § 67) insbesondere mit folgenden Schwerpunkten abgegeben:

  • Löschwasserversorgung und Einrichtungen zur Löschwasserförderung
  • Anlagen zur Rückhaltung kontaminierten Löschwassers bei Sonderbauten
  • die Zugänglichkeit der Grundstücke und baulichen Anlagen für die Feuerwehr
  • Anlagen, Einrichtungen und Geräte für die Brandbekämpfung
  • Anlagen und Einrichtungen für die Rauch- und Wärmefreihaltung bei Sonderbauten
  • Anlagen und Einrichtungen für die Brandmeldung zur Feuerwehr und für die Alarmierung im Gebäude – bei Sonderbauten
  • betriebliche Maßnahmen zur Brandverhütung und Brandbekämpfung.

Welche Wege gibt es für den beruflichen Einstieg in die Berliner Feuerwehr und welche Bedeutung für die Aus- und Weiterbildung hat dabei die Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienstakademie?

Wilfried Gräfling: Für die Laufbahn im mittleren feuerwehrtechnischen Dienst gibt es die Einstiegswege

  • 112 direct für Bewerberinnen und Bewerber direkt nach der Schule
  • 112 classic für alle mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung
  • 112 medic für die Ausbildung zur Notfallsanitäterin/zum Notfallsanitäter und
  • 112 medic expert für Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter sowie Rettungsassistentinnen und Rettungsassistenten mit und ohne Berufserfahrung für die Ausbildung zu Feuerwehrbeamtinnen und Feuerwehrbeamten. Für den gehobenen feuerwehrtechnischen Dienst gibt es 112 bachelor und für den höheren Dienst den Einstiegsweg 112 master. Alle Ausbildungen finden überwiegend an der Berliner Feuerwehr- und Rettungsakademie (BFRA) statt.

Was können Sie tun, um ausreichend Nachwuchs für den Feuerwehr- und Rettungsdienst zu gewinnen? Welche Rolle spielt dabei die Jugendfeuerwehr und welche Aktivitäten und Anreize bieten Sie den jungen Leuten?

Wilfried Gräfling: Der Bereich Personalauswahl und Karriere präsentiert sich regelmäßig auf Berufs- und Ausbildungsmessen (z. B. Stuzubi, Jobmedi, Vocatium), bei Jobtalks an Schulen und Informationsveranstaltungen für Schüler/ Ausbildungssuchende bei der Agentur für Arbeit. Die stetig steigenden Mitgliederzahlen der Jugendfeuerwehr zeigen das Interesse der Jugendlichen am Ehrenamt in Sachen Brandbekämpfung, Rettungsdienst und dem Engagement in einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung.

Berlin unterhält ein einzigartiges Feuerwehrmuseum. Was kann der Besucher dort an Exponaten und historischen Dokumenten besichtigen? Gibt es Führungen für verschiedene Altersgruppen?

Wilfried Gräfling: Das Feuerwehrmuseum Berlin umspannt die Geschichte der Feuerwehr in der Stadt Berlin mit Blick über den Tellerrand. 14 Themenbereiche zeigen in wechselnden Ausstellungen und Sonderausstellungen nahezu alle Fassetten des Einsatzspektrums der Berufs- und Freiwilligen Feuerwehr in dieser Stadt und betrachten dabei die Entwicklung von Einsatz- und Rettungsgeräten sowie der Einsatztaktik und deren Veränderung. Führungen von der Kitagruppe, über Schulklassen bis hin zu Reisegruppen, Bundespressefahrten oder Fachbesuchern sind tägliches Arbeitsgebiet des Museumsteams. Aufgrund der großen Beliebtheit sind sie im Schnitt auf sechs Wochen im Voraus ausgebucht.

Sie sind verheiratet und haben drei Kinder. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Pflichterfüllen und Familienleben?

Wilfried Gräfling: Diesen „Spagat“ schafft man nur, wenn die Familie hinter einem steht und einen unterstützt. Das ist die wichtigste Voraussetzung, und dazu muss ich selbst meinen Beitrag leisten, indem ich die Prioritäten „richtig“ setze. Das ist nicht immer einfach, aber bis jetzt hat es glücklicherweise immer einigermaßen geklappt, und ich danke meiner Familie für die Unterstützung.

Die Arbeit, die Sie und Ihre Kollegen leisten, verdient unseren höchsten Respekt. Die Frauen und Männer der Berliner Feuerwehr sind unsere Helden des Alltags. Vielen Dank dafür, auch Ihnen für das interessante Gespräch.

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